Breitband ist Standortfaktor – Mehr Gemeinsamkeit tut not.
Franz Reinhard Habbel brachte es kürzlich bei einer Podiumsdiskussion im Rathaus Aalen auf den Punkt: „Breitband ist die Lebensader der Gesellschaft.“ Breitband habe heute die gleiche Bedeutung wie im letzten Jahrhundert Straßen, Wasser- und Stromleitungen, sagte der Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Dass Breitband ein unverzichtbarer Standortfaktor geworden ist, in dieser Erkenntnis sind die Kommunalpolitiker in den Landkreisen, Städten und Gemeinden der Region Ostwürttemberg zwar einer Meinung, aber es herrscht noch kein Konsens darüber, wie man am schnellsten flächendeckend das schnelle Netz realisiert.
Dabei brennt die Zeit auf den Nägeln: Deutschland ist in Sachen Breitband ein Entwicklungsland und muss sich sputen, nicht den Anschluss zu verlieren. In Europa liegen wir sogar hinter Ländern wie Estland zurück, Korea, Japan und China haben uns längst abgehängt“, sagt Rudi Feil. Der ist geschäftsführender Gesellschafter der GEO DATA GmbH in Westhausen, die Städten und Gemeinden eine ganzheitliche Breitband-Beratung anbietet und einen Großteil der Kommunen in Ostwürttemberg auch betreut. GEO DATA ermittelt den Status quo der Breitbandversorgung, recherchiert bestehende Glasfasertrassen und entwickelt Konzeptionen zur Verbesserung der Breitbandanbindung, dazu gehört auch die Beratung bei Leerrohrverlegungen durch Straßenbaumaßnahmen oder bei der Erschließung von neuen Baugebieten. Besonders in der Schweiz und in Luxemburg sind die Dienste des mittlerweile auf 70 Spezialisten angewachsenen Geo Data-Teams derzeit sehr gefragt. Was also tun, um den Rückstand aufzuholen und die digitale Kluft, die in Deutschland zwischen ländlichen Räumen wie der Ostalb – auch in Ortsteilen von Aalen, Heidenheim, Schwäbisch Gmünd – und den städtischen Ballungsgebieten immer größer wird, zu schließen? Die Antwort von Rudi Feil und seinem Mitarbeiter Manuel Hommel (Foto oben): „Gemeinsamkeit täte not!“ Zwar haben sich bei einer kreisübergreifenden Breitbandkonzeption, erarbeitet vom Ostalbkreis und GEO DATA, 28 Gemeinden zusammengeschlossen, da geht es aber mehr um den Zugriff zu finanziellen Mitteln aus dem Fördertopf „Breitband“ des Landes Baden-Württemberg für die notwendige Infrastruktur. Riesbürg und Böbingen haben davon profitiert. Viel wichtiger ist aber die Geschlossenheit gegenüber den Netzbetreibern, die im derzeit freien Markt die hohen Investitionskosten in den unterversorgten Gebieten scheuen. Feil: „Die Kommunen benötigen eine langfristige Breitbandstrategie, wie sie es in anderen Bereichen wie z.B. beim Kanal mit einem „Allgemeinen Kanalisationsplan“ haben, so benötigen wir im Bereich Breitband einen „Allgemeinen Breitbandplan“. Dieser zeigt alle sinnvollen Möglichkeiten eines Ausbaus von Glasfaser bis ins Gebäude auf und bildet die Grundlage für den Aufbau einer eigenen Infrastruktur bzw. für Verhandlungen mit Marktführer Telekom oder anderen Anbietern wie Vodafone, O2, Kabel BW der regionalen ODR TSG Ellwangen. Es sei allerdings illusorisch zu glauben, weiß Feil, die Anbieter an einen Tisch zu bekommen, „denn da herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb.“ Und ein Anbieter allein werde ein Gebiet wie Ostwürttemberg auch nicht versorgen können. Umso wichtiger ist deshalb, dass die Städte und Gemeinden selbst dafür sorgen, dass ihre infrastrukturellen Voraussetzungen zusammen so attraktiv und die Zahl der interessierten Haushalte und Unternehmen so groß sind, dass sich die Betreiber engagieren. Eine landkreisweite Zusammenarbeit aller in dem Bereich tätigen Player wäre auch eine Lösung. Das heißt: Schon bei der Planung und bei der Erschließung von Baugebieten muss in Zukunft das Breitband in den Grundstückspreis eingerechnet werden. Architekten, Bauträger und private Bauherren sollten darauf drängen, dass Breitband den gleichen Stellenwert wie Strom und Wasser erhält. Rudi Feil und Franz Reinhard Habbel sind davon überzeugt, „dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und die Unternehmen dies akzeptieren.“ Die Finanzkraft und damit die Attraktivität einer Region hängt ab von der Anzahl und dem Steueraufkommen seiner Einwohner. Ostwürttemberg leidet unter einem großen Bevölkerungsschwund und buhlt um Fachkräfte. Gerade für die ist aber das schnelle Netz unabdingbar – die Zukunft der Region hängt somit ein großes Stück vom Breitbandanschluss ab: „Fehlt der, ziehen Firmen und Privatpersonen weg oder kommen gleich gar nicht, und die Steuereinnahmen bleiben aus“, prognostiziert Feil, der durch ein anderes einfaches Rechenexempel zeigt, dass sich Investitionen in den Breitbandanschluss lohnen: „In einer fiktiven Gemeinde wohnen 2000 Einwohner in 500 Häusern. Der durchschnittliche Wert der Gebäude beträgt 250 000 Euro. Sinkt der Wert nur um ein Prozent, weil die Nachfrage nach Wohn- und Gewerberäumen durch fehlendes Breitband geringer ausfällt, entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von über einer Millionen Euro. Selbst wenn der kleinste Weiler für einen Breitbandanschluss einen Kredit aufnehmen müsse, würde sich die Investition rechnen.“ Zu Situationen wie in Aalen, wo im neuen Baugebiet Wehrleshalde zu wenig Häuslebauer bereit waren, sich an einer Komplettlösung für Glasfaseranschlüsse und Leerrohre zu beteiligen, dürfte es nicht mehr kommen: „Jetzt bekommt keiner Breitband“, musste OB Martin Gerlach einräumen. Rudi Feil plädiert auch dafür, bei der Qualität des Netzes keine Kompromisse zu machen: „Die von der Bundesregierung definierte Grundversorgung von einem bis zwei Megabit (MB) pro Sekunde reicht nie und nimmer aus. Die Mindestgeschwindigkeit muss bei 50 MB liegen, wenn in manchen Städten schon über 100 MB erreicht werden.“ Glasfaser müsse deshalb sein. Für abgelegene Gebiete schlägt Rudi Feil vor: „Eine kurz- und mittelfristige Verbesserung erreicht man dort über LTE oder eine Satellitenlösung. Aber auch auf dem flachen Land muss Glasfaser das langfristige Ziel sein. Eine Erschließung mit Glasfaser bis in den Weiler oder ins Gebäude erreicht man am besten über Synergiemaßnahmen in Form von Mitverlegung bei anderen Baumaßnahmen. Aktuelle Beispiele haben wir bei den Bühlertal-Gemeinden. Dort werden Wasserleitungen durch den Zweckverband gebaut und die Weiler mit Breitband versorgt und über Fördermittel bezuschusst. Die Beteiligung der Bürger durch Eigenleistung bei den letzten Metern stellt dabei eine mögliche Variante dar.“
Erschienen in der Wirtschaftszeitung für die Region Ostwürttemberg, Winfried Hofele, November 2011.

